Warum wir jetzt alle Ukrainer sind und wie du sofort helfen kannst

Ukraine-Demo in München

Irgendwo an einem streng geheimen Ort in Russland, in einem bombensicheren Luxusbunker, hinter einem absurd großen Tisch sitzt ein kleiner Mann mit Glatze. Vor ihm die Karte der Ukraine mit roten Pfeilen, 3 Telefone, ein paar engste Vertraute am anderen Tischende. Das ist der Höhepunkt seines Lebens. Die unbesiegbare russische Armee ist kurz davor, die abtrünnige Ukraine ins russische Reich „heimzuholen“ und die schlimmste Katastrophe des Jahrhunderts, den Zerfall der Sowjetunion wiedergutzumachen. Die Regierung wird bald gestürzt und das Land wird endlich von den Nazis befreit.

In ganz Russland sitzen Millionen von den Fernsehern und sehen, wie die russischen „Befreier“ in der Ukraine herzlich begrüßt und die Panzer mit Blumen geschmückt werden. Leider wurden auch ein paar tapfere russische Soldaten getötet, aber „Krieg ist Krieg“. Und das ist ein heiliger Krieg, schließlich hat die NATO Russland schon lange provoziert, in der ganzen Ukraine Stützpunkte aufgebaut und war kurz davor, Russland anzugreifen. Ein Glück, dass der starke und kluge Vater der Nation dies mit einer militärischen Spezialoperation im letzten Moment verhindert hat. Die bösen westlichen Imperialisten haben aus irgendwelchen Gründen mit Sanktionen reagiert, aber es macht überhaupt nichts, Russland kommt gut damit zurecht, wie immer.

Willkommen in einer parallelen Realität

Wir haben es hier mit einer Massenpsychose vom ungeahnten Ausmaß zu tun, der Hitler-Propaganda mindestens ebenbürtig. In den letzten 20 Jahren hat Putin es geschafft, die halbe Welt davon zu überzeugen, dass Russland im Grunde ein friedliebendes Land ist, das vom Westen bedroht wird und sich deshalb schützen muss. Indem es sich Teile von Moldowa, Georgien, der Ukraine einverleibt oder Syrien in Schutt und Asche legt. Begleitet wird das Ganze von einer groß angelegten Desinformationskampagne, jährlich werden dafür dreistellige Millardenbeträge ausgegeben.

Wir Ukrainer befinden uns seit 2014 im Krieg, als Russland die Halbinsel Krym und einige Gebiete im Osten „befreit“ hat. In deutschen und vielen internationalen Medien hat man aber sehr lange gezögert, die Dinge beim Namen zu nennen. Stattdessen hat man vom „Bürgerkrieg“, „Separatisten“, „ukrainischen Nationalisten“ und Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung gesprochen. Die Anzahl der Putinversteher in deutschen Talkshows war bemerkenswert. Es hat wehgetan, als einige meiner Freunde den Kontakt zu mir abgebrochen haben, weil ich immerzu von russischen Kriegsverbrechen gesprochen habe. Ich habe fast resigniert, als an ukrainischen Demos nur eine Handvoll Menschen teilgenommen hat und parallel dazu eine kilometerlange und laute Kolonne der linken „Friedensbewegung“ vorbeigezogen ist. Auf den Plakaten Putin als Friedensstifter.

Deutschlands Freundschaft mit Russland wurde immer stärker, auch die wirtschaftlichen Beziehungen, und über die Jahre begab man sich in eine verhängnisvolle Abhängigkeit vom russischen Öl und Gas, Russlands Kassen klingelten. Dieses Geld bescherte der Bevölkerung einen wachsenden Wohlstand, und man hat sich daran gemacht, die zweitstärkste Armee der Welt aufzubauen. Ein paar Dollar waren auch für Putin selbst und seine Freunde drin.

Alle militärischen Abenteuer Putins wurden von der Bevölkerung begeistert unterstützt, schließlich war es schon lange überfällig, die verkommene und entartete westliche Moral durch echte russische Werte zu ersetzen. Die Russen träumten davon, wie in 1945 mit Panzern beim Siegestor einzurollen und „eines Tages ihre die Stiefel bei Lissabon im Atlantischen Ozean zu waschen“. Davor müsste aber noch das ukrainische Brudervolk von den Nazis befreit und „heimgeholt“ werden. Ein Klacks, in 1-2 Tagen wäre das erledigt, vom Westen sei maximal eine „tiefe Besorgnis“ zu erwarten, die ukrainischen Politiker sind schwach und zerstritten, die meisten Menschen wohlwollend gegenüber dem „großen Bruder“ eingestellt.

Ein echter ukrainischer Blockbuster mit echtem Blut

Heute ist der Tag 10 seit dem großflächigen russischen Angriff auf die Ukraine, und ich habe das Gefühl, mich in einem blutigen Hollywood- Blockbuster zu befinden. Die Handlung ist schwindelerregend, mehrmals steht die Welt am Abgrund. Es gibt Szenen vom heldenhaften ukrainischen Widerstand, von Ballerinas, Paralympics-Athleten und Omas mit Kalaschnikovs und herzzerreißende Bilder der flüchtenden Menschen, von neugeborenen Babys und Haustieren in Luftschutzkellern. Ukrainische Dörfer und Städte werden in Schutt und Asche gelegt, Wohnhäuser und Krankenhäuser beschossen, hunderte russische Panzer und schweres militärisches Gerät sind kurz vor Kyiv. Und es ist Schlimmeres zu befürchten.

Putins Blitzkrieg ist allerdings nicht ganz wie geplant gelaufen. Inzwischen ist die Rede von Tausenden Toten und Verletzten, von Kolonnen vernichteter Technik, von harten westlichen Sanktionen und aberwitzigen unbewaffneten ukrainischen Zivilisten, die sich den russischen Panzern in den Weg stellen. Alle großen Verwaltungszentren und die Hauptstadt Kyiv sind unter ukrainischer Kontrolle, die Ukrainer leisten erbitterten Widerstand.

 

Putin hat angekündigt, härtere Maßnahmen zu ergreifen, er will sein Ziel um jeden Preis erreichen. Das bedeutet einen Vernichtungskrieg, und sollte sich jemand einmischen, droht er mit ungeahnten Konsequenzen. Die Atomwaffen werden in volle Bereitschaft gebracht. Inzwischen haben seine Soldaten zwei Atomkraftwerke besetzt.

Spätestens jetzt sind wir alle Ukrainer!

Kurz vor dem Angriff und die ersten Tage danach flehten die Ukrainer die ganze Welt an, ihnen beizustehen, Russland zu bestrafen und Verteidigungswaffen zu liefern. Unvergessen das (scheinheilige) Argument der deutschen Politik, dass man keine Waffen in Krisengebiete liefere.

Man war bereit, die Ukraine zu opfern, gegen die weit überlegene russische Armee wäre sie eh chancenlos. Mit Russland würde man sich schon arrangieren, wie all die Jahre davor. Und da wäre da noch die Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg, die dürfe man nicht gefährden.

Wie naiv das war, hat hoffentlich auch der letzte Putinversteher inzwischen erkannt. Die Solidarität weltweit ist unglaublich, öffentliche Gebäude erstrahlen in Gelb-Blau, Menschen und Unternehmen spenden riesige Summen, in praktisch jedem Ort werden Hilfsgüter gesammelt und in die Ukraine gebracht. Europäische Länder nehmen die Flüchtlinge herzlich auf.

Ich hoffe inständig, dass das alles nicht zu spät ist. Für inzwischen Tausende Tote ist es bereits zu spät, Tausende Kinderseelen sind traumatisiert, Tausende Menschen haben alles verloren. Jede Nacht gehe ich ins Bett und weiss nicht, was mich am nächsten Morgen erwartet. Wurde auch meine Stadt bombardiert, leben meine Verwandten und Freunde noch? Sollte Putins teuflischer Plan gelingen, werde ich vielleicht nie wieder in die Ukraine reisen können.

Und wie muss es erst den Menschen gehen, die seit mehreren Tagen in Luftschutzkellern übernachten oder rund um die Uhr dort ausharren müssen? Wenn sie 2-3 Tage vor der Grenze stehen müssen und sich von ihren Familien verabschieden, ohne zu wissen, ob man sich je wiedersehen wird?

Wie können wir der Ukraine (und uns selbst) noch helfen?

Wir alle miteinander haben das Monster groß und fett werden lassen. All die Putinversteher und scheinheilige Pazifisten, all die Unternehmen, die ihre Geschäfte mit Russland nicht gefährden wollten, alle, die fröhlich bei der Fussball-WM in 2018 mitgefeiert haben, weil Sport und Kultur unpolitisch seien. Die Liste ist lang. Auch meine Familie hat es im Winter dank russischem Gas warm gehabt, und an der Tankstelle haben wir uns nicht gefragt, woher der Treibstoff kommt. Auch wir haben nicht jede Demo besucht und irgendwann aufgehört, unsere Freunde und Bekannten mit den Kriegsthemen zu nerven. Die Welt und die meisten Ukrainer sind kriegsmüde geworden.

Das alles fliegt uns jetzt um die Ohren, und die Welt versucht mit allen Mitteln, den Flächenbrand zu löschen. Doch Millionen Menschen in Russland sind wie in einer tiefen Hypnose, sie wissen nicht, was russische Soldaten bereits angerichtet haben. Oft wissen die Angehörigen dieser Soldaten nicht, wo sie sind, denn telefonisch sind sie nicht erreichbar. Es heißt, sie nehmen an Militärübungen teil.

Wir alle müssen die Informationsfront gegen Putins Propagandamaschine massiv verstärken. Wir müssen das russische Volk so schnell wie möglich aus der tiefen Hypnose rausholen, damit es den geisteskranken Führer stürzt und seine Befehle verweigert.

Immer mehr sieht es wie Mission Impossible aus. Seit gestern stehen in Russland 15 Jahre Haft für die Verbreitung der Wahrheit über den Krieg. Alle russischen Medien sind gleichgeschaltet, westliche werden nach und nach blockiert.

Sanktionen und Einschränkungen fangen langsam an zu wirken. Der eine oder der andere fragt sich vielleicht, ob es nicht doch einen guten Grund gibt, warum die ganze Welt die Ukraine unterstützt. Einige wenige mutige Menschen trauen sich auf die Strasse und werden sofort verhaftet. Aber es müssen viel mehr werden, es braucht eine kritische Masse, die das Regime zum Kippen bringt.

Dazu müssen die Menschen die Wahrheit erfahren, die meisten werden es leugnen, aber einige vielleicht nicht. Für Putin gibt es keinen Weg zurück, und in seiner Verzweiflung könnte er uns alle mit in den Abgrund reißen. Der neue Möchtegern-Hitler muss gestoppt werden. Gestern!

Viele Menschen versuchen bereits, die Propagandamaschine zu stoppen und Menschen in Russland mit Wahrheit zu konfrontieren. Die Hacker haben für einige Stunden russische Regierungsseiten lahmgelegt, Fernsehsender gekapert und dort die Kriegsszenen aus der Ukraine gezeigt, persönliche Daten der teilnehmenden Soldaten veröffentlicht, damit die Angehörigen sie suchen können.

Diese Informationsfront müssen wir alle massivst verstärken. Mit ukrainischen Flaggen zu protestieren ist wunderbar, Spenden sind wunderbar, aber dieser Krieg geht JEDEN an, wirklich jeden!

Was wir noch an der Informationsfront tun können:

  • hier gibt es eine Liste der Kriegsverbrechen , diese kann überall geteilt werden;
  • unter diesem Link werden Fotos, Videos und Dokumente der gefangenen und toten russischen Soldaten veröffentlicht;
  • teilt diesen Appel an die russischen Mütter über soziale Medien wie Telegramm, TikTok, V Kontakte und Odnoklassnik. Wenn ihr dort noch nicht registriert seid, macht das jetzt.
  • schreibt E-Mails und SMS an öffentlich auffindbare E-mails und mobile Telefonummer in Russland
  • lernt einige Sätze auf Russisch und ruft in Russland an

Обращение к русским матерям!

Ваших сыновей бросили на смерть в Украине! Если вы не хотите, чтобы это продолжалось – выходите на площади, требуйте окончания всего этого ужаса! Вы можете спасти своих близких!

А тех, кто уже попал в плен или погиб в Украине – ищите на этом сайте: https://200rf.com/

Телеграмм Ищи своих

Putin бросил ваших сыновей умирать здесь, он не забирает ни пленных, ни убитых. Этот ублюдок окончательно обезумел! Но вы еще можете это остановить.

  • seit einigen Tagen gibt es Aufrufe, Google-Rezensionen unter den russischen Adressen zu hinterlassen und dort die Wahrheit zu erzählen; auch entsprechende Bilder kann man einfügen.
  • ukrainische Behörden haben eine Hotline für die Angehörigen russischer Soldaten eingerichtet, die Infographik soll in Social Media, insbesondere in russischen Communitys, geteilt werden
  • macht Live-Videos, sprecht mit euren russischen Freunden, Bekannten und Geschäftspartnern;
  • seid kreativ, macht euch Gedanken, wie man die Propagandawand durchbricht und teilt eure Ideen, es geht um unser aller Überleben!

Slawa Ukraini! Herojam Slawa!

 

 

 

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Blog

7 Kommentare

  1. Liebe Marianna, danke für diesen so wichtigen Artikel. Gerne leite ich ihn weiter. Auch die Nutzpflanzenerhalter in Deutschland und Europa sollen diesen Artikel lesen.

  2. Klasse Beitrag!
    Ми всі дуже вдячні тобі, люба Мар’янко, за цей правдивий, розриваючий серце репортаж!
    Високо ціную та міцно обнімаю!
    Страждаюча і страшенно обурена загарбницькою війною москалів та слабаками Заходу!!!
    Надія

  3. Liebe Marianna, ein ganz toller Beitrag von dir, er spricht mir aus dem Herzen. Welch unsäglicher Krieg eines kranken Despoten gegen ein „Brudervolk“!
    Unsere gemeinsame Freundin Doris hat mir den Link geschickt, aber wir kennen uns auch aus dem Storchengarten als auch anfangs Fitnessstudio.
    Bist du bei den Initiativen in Markt Schwaben auch schon beteiligt?
    Gott schütze dich, deine Familie dein Volk und uns alle!
    Alles Gute, Doro

    1. Liebe Doro,

      vielen Dank für dein Kommentar! Ich hoffe, es geht dir gut, wieder zurück in deiner Heimat? Du hast das „Brudervolk“ ganz richtig in Einführungszeichen gesetzt. Das ist ein gängiger Begriff aus der russischen Propaganda, die leider sehr erfolgreich ist. Es wird Jahrzehnte brauchen, bis die Welt sich davon reingewaschen hat. Vorausgesetzt, dass Putin und seine 80 % der Unterstützer mit ALLEN Mitteln gestoppt werden.

  4. Liebe Marianna,
    Dein Artikel hat mich sehr betroffen gemacht. Vor lauter Konzentration auf andere Themen (Corona-Virus, Syrien-Konflikt) ist der Ukraine-Konflikt bei mir völlig untergegangen, wie auch viele andere politische Themen. Ich helfe seit 2013 Flüchtlingen, die in Deutschland ankommen, hier Fuß zu fassen. Bin jahrelang mit den Bildern des Krieges in Syrien konfrontiert gewesen.
    Dein Artikel macht mich auch deswegen so betroffen, weil ich mich dem so ohnmächtig ausgeliefert sehe, auch wenn ich handle. Heute Nacht bin ich mit dem Gedanken aufgewacht: Warum kidnappen wir nicht Putin und Lawrow und setzen sie mitten im stark umkämpften Kriegsgebiet der Ukraine ab??
    Normalerweise bin ich ein friedliebender Mensch und habe sehr viel Geduld, aber das hier, dass diese 2 Männer darüber entscheiden, worunter Millionen von Menschen zu leiden haben, löst bei mir nur Hass und ohnmächtige Wut aus.

    1. Liebe Silke,

      vielen Dank für dein Kommentar. Zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich mich nicht so intensiv mit den Bildern aus Syrien befasst habe, irgendwann war es einfach zu schrecklich. Obwohl der Verursacher derselbe ist, der neue Möchtegern-Hitler, und das ist keine Übertreibung. Jetzt ist es essentiell für den Weltfrieden, dass die Welt nicht schon wieder kriegsmüde wird. Die Ukrainer müssen mit ALLEN Mitteln unterstützt werden, hier sollen die scheinheiligen Pazifisten, von denen es in DE besonders viele gibt, ganz leise sein. Sie haben mit ihrer Beschwichtigung auch dazu beigetragen, dass dieses Monster jetzt die ganze Welt bedroht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Consent Management Platform von Real Cookie Banner