Seit der Veröffentlichung der sogenannten Epstein-Files, einer riesigen Dokumentensammlung aus dem Fall des inzwischen verstorbenen verurteilten Sexualtäters, habe ich gefühlt jede freie Minute damit verbracht, durch das Instagram auf der Suche nach den neuesten Entwicklungen zu scrollen.
Es war so nicht geplant, und eigentlich habe ich mich seit letztem September so ziemlich aus Social Media zurückgezogen, um meine Nerven zu schonen.
Was passiert ist
Als Ukrainerin beobachte ich fassungslos, wie Russland seit fast zwölf Jahren meine Heimat systematisch zerstört, besetzt und ins Mittelalter zurückbomben will. Immer wenn ich dachte, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, haben die Russen noch eine Schippe draufgelegt, zuletzt die Zerstörung der Energie- und Wärmeinfrastruktur im bitterkalten Winter bei deutlich zweistelligen Minustemperaturen. Einfach das absolute Böse in seiner reinsten Form.
Ich konsumiere seit einiger Zeit nicht aktiv Nachrichten, bekomme aber trotzdem mit, was vor sich geht. Ich will nur nicht mehr alle Details wissen, das ertrage ich nicht. Und gleichzeitig merke ich, wie abgestumpft ich geworden bin, vermutlich ein Selbstschutzmechanismus meines Nervensystems. Eine nächtliche russische Attacke mit 500 Drohnen und mehreren Toten und Verletzten lässt mich scheinbar kalt, obwohl sich das Ganze wie eine offene, blutende seelische Wunde anfühlt.
Als die Epstein-Files veröffentlicht wurden, war meine erste Reaktion die Hoffnung, dass diese Enthüllungen ein politisches Erdbeben in den USA auslösen. Ich wollte glauben, dass sie den Trump-Anhängern die Augen öffnen, die Demontage der amerikanischen Demokratie umkehren und erklären, warum Trump Druck auf die Ukraine statt auf Putin ausübt.
Es kann einfach nicht im Interesse der USA und der NATO sein, die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen. Aber vielleicht hat Putin ein heftiges Kompromat gegen Trump in der Hand? Darüber gibt es schon lange Spekulationen und das könnte das irrationale Handeln zumindest teilweise erklären.
Also fing ich an zu scrollen und konnte nicht mehr aufhören.
Die Mischung, die mir der Algorithmus servierte, war surreal: Epstein-Enthüllungen, Berichte über Trumps vermutete Demenz, herzzerreißende Evakuierungen von Menschen und Tieren aus zerbombten ukrainischen Ortschaften, Frontberichte von Soldaten, dann ein lustiges Katzenvideo, ein schnelles Rezept, und wieder Epstein, Outdoor-Tanzpartys in Kyiv bei zweistelligen Minustemperaturen und ukrainische Überlebenshacks bei Strom- und Wärmeausfall.
Mein Gehirn ging in eine Art tranceähnliche Schockstarre. Ich scrollte nicht einfach weiter und konnte mich nur mit Mühe zwingen, meinen täglichen Verpflichtungen nachzukommen.
Das war nicht das erste Mal
Ende August war es fast genauso passiert. Damals waren es Proteste gegen Korruption in der Ukraine und ein neuer Höhepunkt des russischen Terrors. Damals war es Facebook statt Instagram, aber es war der gleiche Sog, die gleiche Lähmung. Es hat mich krank gemacht.
Daraufhin habe ich während meines zweiwöchigen Urlaubs komplett auf Social Media verzichtet. Es fiel mir wirklich leicht, nicht schon beim Frühstück Facebook, Instagram oder LinkedIn zu öffnen. Ich hatte keinerlei Entzugserscheinungen und war so stolz auf mich, dass ich auch nach dem Urlaub kein Bedürfnis mehr nach Social Media hatte.
Bis die Epstein-Files kamen.
Ich habe unterschätzt, wie schnell der Sog zurückkehrt, wenn ein emotionaler Trigger kommt. Oder vielleicht sind die Algorithmen noch fieser geworden? Wahrscheinlich beides.
Was es mich gekostet hat
In diesen zwei Wochen habe ich nicht nur Zeit verloren.
Ich habe meine bewährten Routinen vernachlässigt, die mich normalerweise stabil halten. Ich habe z.B. meine seit vier Jahren etablierte Meditationsroutine durchgehalten, mehrfach ausgesetzt.
Ich bin kaum ins Sportstudio oder spazieren gegangen , obwohl ich genau weiß, wie gut mir beides tut und es auch als lebensnotwendige Selbstfürsorge predige. Von der Blogdekade-Challenge, bei der ich jeden Tag einen Blogbeitrag schreiben wollte, habe ich keinen einzigen Beitrag geschafft. Und ich habe nichts für Life Shift Circle, meine neue Community rund um Meditation, Bewusstsein und Selbstfürsorge.
Das war wie ein unfreiwilliges Experiment an mir selbst: Wie schnell kann ein Instagram-Feed die stabilsten Gewohnheiten eines Menschen aushebeln? Erschreckend schnell, wie sich herausgestellt hat.
Warum ausgerechnet ich? Was meine Stärken damit zu tun haben
Als jemand, der gerne reflektiert, habe ich mich natürlich gefragt, was hinter diesem irrationalen Verhalten stecken könnte.
Mein Verdacht lag auf Wissbegier, einer meiner Stärken nach Gallup. Diesen Test (Gallup StrengthsFinder) habe ich vor etwa 10 Jahren gemacht, und meine Top-5-Talente sind: Wissbegier, Intellekt, Ideensammler, Vorstellungskraft und Verbundenheit. Das sind normalerweise meine Superkräfte. Aber in diesem Fall waren sie genau das, was mich in die Falle gelockt hat.
Bei der Wissbegier war die Erklärung noch naheliegend, aber ich wollte wissen, ob meine anderen Persönlichkeitsanteile getriggert wurden. Also habe ich mit Opus 3.6, dem neuesten Modell von Claude AI, dazu brainstormt.
Ich bin keine Psychologin und kann das Ergebnis nicht fachlich bewerten, aber es ergibt für mich einen logischen Sinn. Aber falls jemand den fachlichen Hintergrund hat und seine Meinung dazu äußern mag, würde ich mich sehr freuen.
Wissbegier – „Noch ein Fakt, noch ein Detail“
Meine Wissbegier sorgt dafür, dass ich den Lernprozess an sich unwiderstehlich finde, dieses prickelnde Gefühl beim Kontakt mit neuen Fakten. Die Epstein-Files sind eine sich ständig entfaltende Geschichte mit immer neuen Enthüllungen und Zusammenhängen. Für mein Wissbegier-Talent war das ein Buffet, das nie endet. Das Problem ist nur: Es fühlte sich an wie Lernen, war aber in Wirklichkeit passiver, endloser, zielfreier Konsum.
Intellekt – „Ich muss das durchdenken“
Ich brauche ständige geistige Aktivität. Mein Verstand will beschäftigt sein, analysieren, verstehen. Die Komplexität von Epstein + Trump + Putin + Ukraine ist ein intellektuelles Riesenpuzzle. Mein Intellekt-Talent konnte nicht aufhören, die Teile zusammenzusetzen.
Gallup warnt in meinem Profil sogar vor der „Diskrepanz zwischen der eigentlichen Tätigkeit und der lebhaften Gedankenwelt.“ Genau das ist passiert: Meine Gedankenwelt war in Washington, New York und Kyiw, während mein Blog und meine Community links gelassen wurden.
Ideensammler – „Das könnte noch nützlich sein“
Als Ideensammlerin sammle ich alles – Wörter, Fakten, Ideen, Zusammenhänge. Mein Gallup-Profil sagt: „Sie wissen nicht so recht, wann oder wozu Sie das Material jemals wieder brauchen könnten. Aber wer weiß?“ Jedes neue Video, jeder Screenshot, jede neue Theorie – alles wurde gesammelt. Das ist der „noch eins, noch eins“-Mechanismus, der mich am Scrollen hielt.
Vorstellungskraft – „Da muss ein Muster sein“
Ich suche immer nach Verknüpfungen zwischen scheinbar unzusammenhängenden Dingen. Epstein, Trump, Putin, Ukraine — mein Vorstellungskraft-Talent war überzeugt: Da gibt es ein Muster, eine Erklärung, die alles verbindet. Wenn Putin Kompromat hat, dann erklärt das sein Verhalten gegenüber der Ukraine, und die Epstein-Files könnten der Beweis sein…
Meine Vorstellungskraft jagte einer Verknüpfung hinterher, die es nie ganz greifen konnte. Und genau deshalb konnte ich nicht aufhören.
Verbundenheit – „Das hängt alles zusammen“
Mein fünftes Talent sagt mir, dass alles miteinander verbunden ist, dass alles einen Grund hat. Das Leid in der Ukraine ist für mich kein isoliertes Nachrichtenereignis – es ist Teil eines größeren Zusammenhangs. Ich muss verstehen, wie die Fäden zusammenlaufen.
Und der Algorithmus nährt genau diese Überzeugung. Er zeigt mir immer neue Verbindungen, immer neue Fäden, und ich ziehe an jedem einzelnen.
Die psychologischen Mechanismen dahinter
Was mir in diesen zwei Wochen passiert ist, ist nicht unbedingt ein persönliches Versagen. Es sind gut erforschte psychologische Mechanismen.
Social-Media-Feeds funktionieren nach dem Prinzip der variablen Belohnung, ähnlich wie Spielautomaten. Die meisten Posts geben einem nichts Neues, aber ab und zu kommt ein Treffer, eine echte Enthüllung oder ein Zusammenhang, den man noch nicht kannte. Das Gehirn schüttet Dopamin aus, und zwar nicht beim Fund selbst, sondern bei der Erwartung des nächsten Funds. Deshalb scrollt man weiter, obwohl sich eigentlich alles nur wiederholt.
Dazu kommt die Illusion des Handelns. Scrollen fühlt sich an, als würde man etwas tun. Man informiert sich, man versteht, man ist empört, man ist wachsam. Für jemanden, der sich ohnmächtig fühlt angesichts eines Krieges, den man nicht beeinflussen kann, ist das ein mächtiger Mechanismus. Das Scrollen ersetzt das Handeln und gibt einem ein Gefühl von Kontrolle, wo man eigentlich keine hat.
Der ständige Wechsel zwischen Schock (Frontberichte, Evakuierungen, Epstein-Abgründe) und Erleichterung (Katzenvideos, Rezepte, bringt das Nervensystem in einen Zustand, in dem es weder richtig reagieren noch abschalten kann. Eine Art Freeze-Zustand, genau die tranceähnliche Schockstarre, die ich erlebt habe.
Und schließlich war da die Hoffnung als Anker. Ich habe nicht nur aus Neugier gescrollt. Ich habe auf Gerechtigkeit gewartet. Darauf, dass die nächste Enthüllung alles verändert, dass sich etwas bewegt für die Ukraine. Diese Hoffnung hat mich festgehalten, weil der nächste Post vielleicht der entscheidende sein könnte.
Was ich daraus lerne
Meine größten Stärken könnten gleichzeitig meine größten Angriffsflächen sein.
Kann es sein, dass der Social-Media-Algorithmus ist darauf optimiert ist, genau die Eigenschaften auszubeuten, die mich in meiner Arbeit und meinem Leben stark machen?
Er gibt meiner Wissbegier ständig neue Fakten, meinem Intellekt endlose Komplexität, meinem Ideensammler unerschöpfliches Material, meiner Vorstellungskraft verlockende Muster und meiner Verbundenheit die Illusion, Teil von etwas Wichtigem zu sein.
Social-Media-Detox funktioniert – aber die Rückfallgefahr bleibt. Mein August-Experiment hat bewiesen, dass ich ohne Social Media gut lebe. Aber es hat auch gezeigt, dass ein einziger emotionaler Trigger den ganzen Fortschritt aushebeln kann. Mein Social-Media-Detox im August hat mir bewiesen, dass ich ohne Social Media gut leben kann. Aber er hat mir auch gezeigt, dass ein einziger emotionaler Trigger den ganzen Fortschritt aushebeln kann.
Man muss sich echt in Acht nehmen vor diesem Monstrum, zu dem Social Media mutiert sind, und vor allem unsere Kinder davor schützen.
Als Selbstständige bin ich auf die Social Media angewiesen und bleibe gerne selbst in Verbindung mit interessanten Profilen, aber ich weiß noch nicht genau, wie mein gesundes Gleichgewicht hier aussieht.
Weltschmerz ist berechtigt, aber er darf mich nicht handlungsunfähig machen. Als Ukrainerin trage ich einen Schmerz, den ich nicht einfach abstellen kann. Und ich will ihn auch nicht abstellen – er gehört zu mir, er macht mich menschlich. Aber unzählige Stunden im Feed haben nichts an der Lage in der Ukraine verändert, nur mein Handeln blockiert.
Aber vielleicht war genau das beabsichtigt? In den USA gibt es jedenfalls viele Menschen, die diesen Informationsdump rund um Epstein als eine gezielte psychologische Massenattacke sehen. Habe normalerweise nicht so viel am Hut mit Verschwörungstheorien, aber wer weiß, ob nicht doch was dran ist.
Warst du auch schon mal in einem solchen Loch?
Was hat dir geholfen, wieder rauszukommen? Schreibe es mir bitte in die Kommentare, ich würde das gerne wissen.

Du, einfach unerschütterlich!
Das ist meine Philosophie und das Ziel meiner Arbeit.
Wer sind wir? Woher kommen wir? Was machen wir hier? Diese Fragen lassen mich nicht los. Und je tiefer ich grabe, desto faszinierender wird es: Die alten Veden und die moderne Wissenschaft kommen zum selben Ergebnis – nur mit anderen Begriffen.
Was, wenn du nicht nur Bewusstsein hast, sondern es auch bist?
Diese Frage hat alles für mich verändert. Und ich halte nichts von esoterischem Hokuspokus – mich interessiert, was wirklich funktioniert. Wie wir uraltes Wissen ganz praktisch nutzen können, mit kleinen Schritten, die ins Leben passen.
In meiner Community Life Shift Circle tun wir genau das: Wir entwickeln gemeinsam Gewohnheiten und Routinen, die etwas verändern. Mit Challenges, Austausch und einer gesunden Portion Neugier. Komm gerne dazu!
Liebe Marianna,
hab‘ vielen Dank für diesen authentischen, sehr mutigen und selbstkritischen Blogbeitrag – er berührt mich sehr!
Zumal ich mich gut an Dein Gallup-Stärkenprofil erinnern kann.
Toll, wie Du im Text reflektierst und den Transfer zum aktuellen Zeitgeschehen bildest.
Du kannst wirklich gut schreiben…mach‘ weiter so!!
Alles Liebe
Claudia